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13-07-10

„Wegschauen ist Schuld“

Spät, aber angemessen und würdevoll ehrte die Stadt Werne posthum die Eheleute Bernhard und Johanna Sickmann, die die jüdische Familie Spiegel vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten retteten.

Marga Spiegel (l.) und Anni Richter, Tochter der Familie Aschoff, tragen sich im Beisein von Bürgermeister Lothar Christ ins Goldene Buch der Stadt ein. Foto: Thomas Wegener
Marga Spiegel (l.) und Anni Richter, Tochter der Familie Aschoff, tragen sich im Beisein von Bürgermeister Lothar Christ ins Goldene Buch der Stadt ein. Foto: Thomas Wegener

WERNE Dass die Stadt Johanna und Bernhard Sickmann nicht schon früher auszeichnete, müsse, sagte Bürgermeister Lothar Christ „uns alle beschämen“, zumal das Ehepaar Sickmann die Auszeichnung „Gerechte unter den Völkern“ und Bernhard Sickmann 1971 das Bundesverdienstkreuz erhielt. „Hätte man nicht eine Schule, einen Platz oder eine Straße nach diesen beiden Vorbildern benennen können?“, fragte der Bürgermeister. Ältere hätten vielleicht Vergangenes verdrängt, Jüngere zu wenig Kenntnis, vermutete Lothar Christ. Am Ende war es die Initiative der Werner Gruppe von amnesty international, die zu der späten Ehrung führte, wofür der Bürgermeister dem Vorsitzenden Heinz Bokler seinen Dank aussprach.

Die Familie Sickmann war eine der fünf Familien, die die seinerzeit Marga Spiegel und ihrer Tochter Karin als „Frau Krone mit ihrer Tochter“ Unterschlupf gewährten. Ob sich das Ehepaar Sickmann der Gefahr bewusst war, in die es sich begab, lässt sich heute kaum erahnen - „an mögliche Folge haben sie nicht gedacht, als sie selbstlos jüdischen Mitmenschen halfen“, sagte Lothar Christ. Mochte es Nächstenliebe, religiöse Überzeugung oder auch Opposition gegenüber dem Nazi-Regime sein - allen Helfern gemeinsam - da machte auch das Ehepaar Sickmann keine Ausnahme - war, dass sie Mut und Zivilcourage bewiesen, ohne davon „Aufhebens zu machen“. Was, fragte Lothar Christ, müssten diese Menschen heute denken über Personen, die wegschauen, wenn sie sehen, wie Mitmenschen angegriffen, verletzt oder gar getötet werden.

Für die mittlerweile verstorbenen Eheleute Sickmann nahm Sohn Bernhard jun. gemeinsam mit Ehefrau Margret die Ehrenmedaille der Stadt entgegen. Berhard Sickmann jun. war es ebenso wie seiner Schwester nicht bewusst, wer auf ihrem Hof zu Gast war. Aus Sicherheitsgründen hatten die Eltern Frau Krone und ihre Tochter als evakuierte Bekannte ausgegeben.

Die Tochter der Capeller Familie Aschoff, Anni, heute Richter, bekam allerdings die wahre Identität der Familie Krone mit - alsbald freundete sie sich mit Marga Spiegel an. Diese Freundschaft hält bis heute - Anni Richter hatte die Stadt ebenfalls zu dem Festakt eingeladen, ebenso wie Mitglieder der Familien Pentrop, Silkenböhmer und Südfeld.

Mit besonderer Freude erfüllte es nicht nur Lothar Christ, dass die heute 98-jährige Marga Spiegel ihre Teilnahme am Festakt zugesagt hatte. „Ohne einen wesentlichen, den wohl schmerzlichsten Abschnitt Ihrer Biografie wären wir heute nicht zusammengekommen“, sagte Lothar Christ. Wie berichtet hat Marga Spiegel ihre Erlebnisse in ihrem Buch „Retter in der Nacht“ eindrucksvoll beschrieben. Marga Spiegel hat nicht allein mit ihrem Buch dafür gesorgt, dass das selbstlose Handeln von Menschen wie Bernhard und Johanna Sickmann dokumentiert ist. Dafür wird sie im Juli mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

„Ich bin doch gar nicht vorbereitet“, sagte Marga Spiegel zunächst auf die Frage Lothar Christs, ob sie selbst einige Worte sagen wolle - dann aber sprach sie aus dem Stegreif beachtenswerte Worte. „Ich begrüße es, dass die Stadt Werne unsere Retter auszeichnet“, sagte die 98-Jährige, „für mich ist es eine Ehre, heute hier sein zu können. Ohne diese wunderbaren Menschen wäre dies nicht möglich gewesen“. So versteht sie ihr Buch als einen Dank an ihre Retter. Deutliche Worte fand Marga Spiegel für die Millionen, die weggeschaut haben: „In meinen Augen ist wegschauen Schuld.“ 37 Mitglieder ihrer Familie sind durch den Holocaust umgekommen. „Ich akzeptiere dies, werde es aber nie verstehen. Wie Millionen Deutsche aus dem Volk der Dichter und Denker Hitler, diesem Nichts, folgen konnten, wird mir immer unbegreiflich bleiben“, sagte Marga Spiegel.

Abschließend trugen sich Marga Spiegel, Bernhard jun. und Margret Sickmann, Anni Richter und weitere Verwandte ins Goldene Buch der Stadt ein. thw



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